Der Pharmariese Novartis, der 2007 einen Rekordgewinn von 7,2 Milliarden Dollar eingefahren hat, kündigt weltweit 2500, in Österreich 250 Mitarbeiter. Bekanntgegeben wurde diese Kündigungswelle ein paar Tage vor Weihnachten mittels Videobotschaft. Grund: Die Effizienz, sprich der Gewinn soll gesteigert werden. Das alles sollte uns ja schon bekannt vorkommen. Nahezu jede Woche liest man solche Berichte. Der sogenannte Shareholder Value (Anm: Ein Managementkonzept, das eine permanente Steigerung des Aktienwertes verfolgt) hat wiederum triumphiert über schnöde humanistische Vorstellungen von rückständigen Leuten, die immer noch nicht einsehen wollen, dass Menschen nach dem Kapital zu kommen haben, oder, wie es mein Schwiegervater vor kurzem ausgedrückt hat: Dass manche Leute noch immer nicht in der modernen Zeit angekommen sind.
Nichts Neues also, fast haben wir uns schon daran gewohnt. Sollten wir aber nicht, denn jeder von uns könnte der Nächste sein.

Weitere Beispiele gefällig: Die Post baut 1800 Stellen ab. Grund: Ihre beiden größten Paketkunden sind abgesprungen und werden jetzt vom Paketservice Hermes bedient, der natürlich billiger liefert und außerdem mehrmalige Zustellversuche bis in die späten Abendstunden und am Wochenende unternimmt. Sehr bequem für die Kunden. Für die Fahrer dieses Paketdienstes weniger, denn die sind nicht angestellt und dürfen als selbständige „Unternehmer” über Umsatzbeteiligung ihr Geld verdienen. Übersetzt heißt das, dass diese Fahrer mit sehr vielen Stunden sehr wenig verdienen. Fünf Wochen Urlaub? Klar, soll sein, aber nicht für diese Fahrer. Das können sie sich nicht leisten, genauso wenig wie krank zu werden. Aber wie gesagt: Für die Kunden sehr bequem.

BMW streicht in Deutschland an die 8000 Jobs, natürlich um die Profitabilität zu steigern. Und das trotz nahezu 100% Auslastung der Werke. In erster Linie werden Zeitarbeiterjobs abgebaut, was sicher ein Trost für die Betroffenen sein wird… Auch ist es fast schon müßig zu erwähnen, dass BMW auf einen Rekordgewinn von 3,75 Milliarden Euro zusteuert. Doch leider: Bei der Umsatzrendite liegt man zurück, oder, mit anderen Worten, der Aktienkurs muss gesteigert werden. In meinem Buch habe ich dieses Unternehmen noch dafür gelobt, dass es einen anderen Kurs als seine Konkurrenten geht. Offenbar hat man sich davon jetzt verabschiedet und geht den Kurs, den alle anderen auch längst eingeschlagen haben und der da lautet: Profitmaximierung um jeden Preis.

Und wir spielen dieses Spiel mit, das folgendermaßen abläuft: Wir kaufen dort ein, wo es billiger ist. Wir wünschen uns längere Öffnungszeiten, mehr und längeres Service (z.B. den erwähnten Paketdienst), achten zunehmend weniger auf Qualität, vielmehr nur auf den Preis, und insbesondere ist es uns egal, woher die Produkte kommen und unter welchen Umständen sie hergestellt worden sind. Billiges Spielzeug aus China? Ja, gerne. Ach, die Arbeitsbedingungen, unter denen dieses Spielzeug hergestellt wird, sind unmenschlich? Die Angestellten in den Fabriken haben einen 18-Stunden Tag und bekommen einen Hungerlohn dafür? Der Dreck ist außerdem giftig? Ja, und? Die Puppe ist dafür billig, und darauf kommt’s an. Angestellte im Handel sehen kaum ihre Familie und bekommen Überstunden nicht bezahlt? Was schert mich das? Ich will bitte noch um 22h einkaufen, wenn möglich auch am Wochenende. Wir kaufen Aktien und erwarten selbstverständlich eine Wertsteigerung, vergessen dabei aber, dass diese Wertsteigerung irgendwer bezahlen muss - meist die Angestellten des Aktienunternehmens, die für mehr Profit ihren Job verlieren oder entsprechend mehr arbeiten müssen.

Wir frönen, gerade jetzt, kurz vor Weihnachten, wieder einmal dem Konsumrausch. Gleich Lemmingen wälzt sich an den festgelegten großen Einkaufstagen eine amorphe Masse an genervten und gestressten Menschen von Kaufhaus zu Kaufhaus. Ein Ziel treibt sie voran: der von der Werbung und Industrie suggerierte Zwang, möglichst viele Geschenke für möglichst viele Menschen zu kaufen. Nicht auszudenken, wenn man vor dem Weihnachtsbaum mit leeren Händen dastehen würde. Es könnte ja sein, dass man nicht mehr geschätzt wird, wenn man sich nichts „Gscheites” leisten kann. Kaum jemand verschwendet einen Gedanken daran, was er mit seinem gedankenlosen Konsum alles anrichtet. Wozu auch? Hauptsache, man kann sich das leisten, was man sich angeblich leisten können muss, und natürlich billig soll es sein.

Die Sache hat nur einen Haken. Wir hängen alle mit drin in diesem System und mit diesem Verhalten sägen wir an unserem eigenen Ast. Die Arbeitsbedingungen werden immer schwieriger, der Stress nimmt zu, die Bezahlung in Relation dafür ab, Burnouterkrankungen haben fast schon epidemische Ausmaße angenommen. Und warum? Weil Geld wichtiger ist als das Wohl von Menschen, der Aktienkurs wichtiger als die Bedingungen, unter denen die Angestellten von Großkonzernen diesen Kurs erwirtschaften, der Preis für ein Produkt schließlich, das für die meisten Menschen einzige Kaufkriterium, wichtiger als Qualität und als die Umstände, unter denen dieses Produkt entstanden ist. Wir sollten uns daher nicht wundern, wenn diese Entwicklung vor uns nicht haltmacht (warum sollte sie das auch?) und daran denken, dass wir an dieser Entwicklung mit Schuld sind. Wenn wir alles billiger und schneller haben wollen, müssen wir in Kauf nehmen, dass wir selbst billiger und schneller werden müssen. Wollen wir das?

Apropos: Haben Sie schon alle ihre Weihnachtsgeschenke besorgt? Wahrscheinlich - ist ja nicht mehr lange zum Fest des Friedens und der Liebe hin. Sollte Ihnen das jetzt zynisch vorgekommen sein, könnten sie sich ja vornehmen, in Zukunft vor einem Einkauf darüber nachzudenken, was es mit dem Gekauften auf sich hat und ob es nicht Alternativen gibt, den Menschen, denen man nahe steht, zu sagen, dass man sie schätzt. Vielleicht taugt das ja auch als Neujahrsvorsatz. Sie wissen schon: Das ist die Feier, während der Millionen Euro innerhalb weniger Minuten am Himmel buchstäblich verpulvert werden, während die halbe Menschheit Hunger leidet und der Obdachlose ein paar hundert Meter weiter sich den Arsch abfriert, weil das viertreichste Land der EU es sich nicht leisten will, Menschen eine Grundversorgung zur Verfügung zu stellen.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten! Und möge Ihnen der Festtagsschmaus nicht im Halse stecken bleiben!