1. Textprobe
Abnahme der Lebensqualität
Laut Zukunftsforscher Rolf Kreibich hat die Lebensqualität in den letzten 30 Jahren abgenommen. Wesentliche Ursache dafür sind Druck und Stress in der Arbeitswelt, die für den Einzelnen stark zugenommen haben. Ständige Erreichbarkeit wird immer öfter zur Pflicht. Wer sich mehr als zwei Wochen Urlaub nimmt, wird schief angesehen. Krankenstand ist verpönt – wenn’s irgendwie geht, schleppt man sich in die Firma, zugedröhnt mit Medikamenten; und steckt andere an. Alles andere wird fast als Arbeitsverweigerung betrachtet. Das betrifft nicht nur Angestellte, also Erwachsene, sondern auch immer mehr Kinder werden mit einem Medikamentensackerl in der Hand krank im Kindergarten abgegeben, weil deren Eltern um ihren Job fürchten, wenn sie länger bei ihrem Kind daheim bleiben. In erster Linie davon betroffen sind Alleinerzieherinnen, denen mehr oder weniger unverhohlen mit Konsequenzen gedroht wird, wenn derartige “Zustände” überhand nehmen. So kommt es auch dazu, dass ansteckende Infektionskrankheiten, die meldepflichtig sind, verschwiegen werden. Das Motto heißt: Immer dranbleiben. Wer nachlässt, riskiert Job und Karriere. So etwas kann und will sich heute niemand leisten. Während die psychischen Erkrankungen, auf Grund dieses permanenten Drucks, zunehmen, sinkt die Anzahl der Krankenstandstage. Und während jene, die einen Job haben, immer mehr leisten müssen, haben immer mehr Menschen keinen Job.
Eine absurde Situation: auf der einen Seite steigt die Anzahl der Arbeitslosen, auf der anderen Seite auch die Zahl der Überstunden, die in den Firmen geleistet werden müssen (allerdings würden lt. einer aktuellen Studie der AK nur 50% der Überstunden bei Frauen und 60% bei Männern zur Gänze abgegolten). Offenbar nimmt man lieber teure Überstunden in Kauf, statt mehr Leute einzustellen. Auch hier wäre die Politik gefordert, diesen Missstand, wenn schon nicht abzustellen, so doch zu erschweren. Indem man Überstunden entsprechend verteuert oder ihnen andere Hürden entgegensetzt, zum Beispiel durch eine Obergrenze, könnte man Firmen, in denen sehr viele Überstunden anfallen, mit sanftem Druck dazu bewegen, mehr Leute aufzunehmen. Schon klar: Immer, wenn es um staatliche Eingriffe geht, kommt das Argument, dass sich der Staat in wirtschaftliche Belange von privaten Firmen nicht einzumischen hat. Dieses Argument kommt oft von genau den Firmen, die vorher die Hand für großzügige Förderungen aufgehalten haben. Diese Förderungen kommen nicht von irgendwo her, sondern vom „bösen“ Staat, der am besten nur zahlen, sonst aber sich tunlichst aus allem raushalten soll. Mit diesem Argument wären arbeitsrechtliche Bestimmungen grundsätzlich zu hinterfragen. Auch diese könnte man als Zwangsmaßnahmen, die gegen die Privatwirtschaft gerichtet ist, auslegen. Und nicht wenige sehen es genau so.
Wenn große Firmen von Zuständen profitieren, die für viele andere Menschen einen erheblichen Nachteil bedeuten, hat der Staat die Pflicht, einzuschreiten, es sei denn, und hier wären wir wieder bei diesem Punkt, dass das Wohl von Menschen weniger wiegt als die Gewinne der Konzerne. Die Krankheitsfälle durch Arbeitsüberlastung häufen sich. Das ist kein Problem, das nur wenige angeht, sondern ein gesellschaftliches. Wenn jene, die ausgebrannt sind, die Leistung, die von ihnen erwartet wird, nicht mehr bringen können oder wollen (so etwas soll es in Ausnahmefällen auch geben), werden sie ersetzt durch frische Kräfte. Was hier zynisch klingt, ist Realität, denn wenn für Firmenverantwortliche die Bilanzzahlen wichtiger sind als das Wohl der Angestellten, gibt es auch keine Skrupel, so zu handeln.