2. Textprobe
Arbeit
Früher hatte dieses Wort etwas Anrüchiges. Es bedeutete Mühe, Zwang, Unfreiwilligkeit, Unfreies. Ursprünglich war es etwas, was man Sklaven tun ließ. Man unterschied Arbeit und Tätigkeit. Das eine war notwendig, um die Existenz zu sichern. Das andere hingegen war und ist ein Tun, was Menschen gern und freiwillig ausüben, selbst dann, wenn man sich dafür anstrengen muss, denn es schafft Befriedigung. Später jedoch kam das perverse calvinistische Arbeitsethos auf, das Arbeit als Wert an sich deklarierte, als etwas, das einem Menschen erst Sinn und vor allem Wert gab. Und heute? Heute ist es beides: Zwang und etwas, was einem in der Gesellschaft Wert verschafft.
Der Zwang ist also ein doppelter: ein materieller und ein gesellschaftlicher. Der gesellschaftliche Wert von Menschen, die nichts arbeiten, wurde bereits erwähnt. Er tendiert gegen Null. Wer das nicht aushält, weil ihm die Meinung der Gesellschaft wichtiger ist, als das eigene Wohl, ist gezwungen zu arbeiten. In einer Gesellschaft, die sich frei nennt, wird man also aus unterschiedlichen Gründen zur Arbeit gezwungen. Wer nicht wenigstens eine Zeit lang gearbeitet hat, erwirbt auch keinen Anspruch auf Unterstützung. Und Anspruch auf Unterstützung hat nur, wer sich verpflichtet, sich so schnell als möglich wieder in den Arbeitsprozess einzugliedern, also ins Hamsterrad zurück zu kehren. Was das mit Freiheit zu tun hat? Keine Ahnung - wissen Sie’s? Damit wir uns nicht missverstehen: Ich verurteile niemanden, der beschließt, sein Leben Geld und Karriere zu opfern. Das wäre auch eine seltsame Auffassung von Freiheit, wenn ich anderen vorschreibe, was für sie gut und was nicht gut ist. Aber ich verurteile ein System, in dem man gezwungen wird, viel zu arbeiten, um überleben zu können. In dem man keine Wahlfreiheit hat, ob man viel oder weniger arbeiten will (oder eine Zeit lang gar nicht), sondern nur vor der Wahl steht, ob man sehr viel arbeitet, oder zu wenig Geld zum Leben hat. In einem System, das sich frei nennt, muss es mehr an Wahlmöglichkeiten geben. So ist es heute also schlimmer als je zuvor?